Diese Seite nutzt Cookies, die nicht zur Personalisierung dienen. Wenn Sie diese Seite weiterhin besuchen, erklären Sie sich damit einverstanden

Keratinprodukte ohne Schadstoffe

Es gibt genug keratinbasierte Haarpflegeprodukte ohne schädliche Formaldehydkonzentrationen. Die Inhaltsangaben sollte man trotzdem lesen.

Keratinprodukte ohne Formaldehyd

Nachdem sich nun herumgesprochen hat, dass Keratinprodukte und Haarglättungsprodukte, die unzulässige Konzentrationen an Formaldehyd enthalten, gesundheitsgefährdend sind, stellt sich natürlich die Frage nach formaldehydfreien Produkten.

Gibt es sie überhaupt? Laut Industrie und Werbung gibt es formaldehydfreie und keratinbasierte Haarglättungscremes, die man als Alternative für die Haarglättung einsetzen kann.

Reines Keratin löst keine Disulfitbrücken, (die chemischen Schwefelverbindungen im Haar) von innen auf. Es umhüllt das Haar von außen mit einem flüssigen Film, der das natürliche Protein imitiert. Unter hoher Hitze wird dieser Film mit dem natürlich vorhandenem Keratin verschmolzen.

Inhalt

  1. Glätten Produkte ohne Formaldehyd wirklich?
  2. “Verstecktes” Formaldehyd
  3. Vergleich mit RAPEX-Liste
  4. Keine Panik

Produkte im Friseursalon

Glätten Produkte ohne Formaldehyd effektiv?

Ein Keratin Treatment ohne Formaldehyd glättet die Schuppenschicht des Haars, die Kutikula, und damit fast 95% der Locken, aber halt nur fast und nur für eine kurze Zeit. Die Glättung ist nicht so glatt und dauerhaft wie bei den konventionellen aggressiveren Produkten und der Effekt hält nicht lange an. Keratinprodukte ohne Formaldehyd halten das Haar glatt, allerdings nicht permanent. Die Qualität der Glättung entspricht dann eher der Qualität des Glätteisens.

Keratinanwendungen ohne Formaldehyd ähneln daher eher den thermoaktiven Conditionern wie sie bei der japanischen Glättung verwendet werden. Die Keratinformel muss mit einem sehr heißen Fön erwärmt werden, um das Haar neu zu formen. Nicht vorhandenes Formaldehyd ist dabei sicher besser als vorhandenes, aber ob die Haare dadurch besser aussehen, steht auf einem anderen Blatt.

Das „versteckte“ Formadehyd

Durch die neuen gesetzlichen Filter und Informationsmöglichkeiten, aber natürlich auch durch die Mundpropaganda bezüglich der Gefahren von hohen Formaldehydkonzentrationen in Haarglättungsmittel und Keratincremes, entsteht für die Industrie ein gewisser Zwang zum Umdenken.

In den USA sind Verbraucherschützer des Verbands EWG der Frage nachgegangen, ob Marken ihre Haarglättungsprodukte nun wirklich grundlegend verbessert oder nur eine eher oberflächliche Änderungen in Sachen Formaldehydgehalt vorgenommen haben.

Die EWG (Environmental Working Group), eine nicht umunstrittenen US-amerikanischen Umweltorganisation, hat sich vor wenigen Jahren zur Diskussion um gesunheitsschädliche Komponenten in Haarglättungsmittel kritisch in einer 2011 veröffentlichten Studie geäußert.

Der Verein untersuchte 16 bekannte Herstellermarken (aus dem Jahr 2011) von Produkten mit hoher Formaldehydkonzentration. Laut EWG gaben 15 von 16 Hersteller zwar an, dass ihre Mittel wenig oder kein Formaldehyd enthielten, EWG testete aber trotzdem bei diesen 15 Produkten Formaldehyd in hohen Konzentrationen.

Wie es dazu kommen konnte, fasste die EWG wie folgt zusammen: Führende Hersteller geben an, dass eine Mischung von Formaldehyd mit Wasser eine neue Verbindung namens „Methylene Glycol“ eingeht, auch als Methanediol bekannt. Diese Verbindung besteht weiterhin aus Formaldehyd und Wasser, sei aber eigentlich kein reine Formaldehyd mehr und da es in eine flüssige Lösung gebunden sei, auch nicht als Dampf einatembar.

Dekoratives Chemielabor

Die Hersteller gaben also an, ihre Produkte seine „formaldehydfrei“, was die EWG bestreitet und als Etikettenschwindel beschreibt. Ihrer Argumentation nach verwandelt sich diese Substanz bei Kontakt bei Raumtemperatur mit der Luft in ein Gas, das identisch mit Formaldehyd ist.

Die EWG bezeichnete das als „name games“, also Namensspielchen, weil Methanediol nichts anderes als eine Formaldehydlösung sei. Unter anderem beschwerte sich die EWG in ihrem Papier über die Marken Brazilian Blowout, Cadiveu, Global Keratin und Marcia Teixeira, weil sie behaupten, Methanediol sei kein Formaldehyd.

Bei anderen Marken warfen die EWG-Experten den Herstellern vor, das Formaldehyd mit obskuren chemischen Bezeichnungen zu kaschieren. Die Kennzeichnung sei daher zwar korrekt, aber vom Laien nicht als Formaldehyd ohne weiteres zu erkennen. Unter die missverständlichen Ausdrücke listete die EWG die Bezeichnungen „aldehyde“ und „morbicid acid“. Auch dies wertete die Umweltorganisation als Etikettenschwindel.

Bei weiteren Marken wiederum stellten die EWG-Experten fest, dass die Produkte unterschiedliche chemische Bestandteile von Formaldehyd separat bzw. gespalten enthalten, die aber in der Praxis beim Ausstoß an die Luft und bei Erwärmung (durch ein Glätteisen oder Fön) aber dann doch zusammenwirken und als Formaldehyd positiv testen. Bei einem Unternehmen soll angeblich die Formulatur nachträglich, also nach den Zulassungstests, wieder geändert worden sein.

Ungetestete Produkte 2011

Dieses Papier wurde 2011 in den USA veröffentlicht. Die EWG hat damals 95 Produkte untersucht. 64 waren nicht einmal auf Formaldehyd getestet worden und 43 von 46 Firmen, die keratinbasierte Haarglättungsprodukten herstellen machten keine Angaben zur Nutzung von Formaldehyd in ihren Produkten. 28 von 31 getesteten Produkten lagen dabei über dem empfohlenen Höchstwert

Laut EWG vermieden Hersteller und auch Salons die Regulierung mit Hilfe von zweideutigen oder unklaren Angaben. Der Verband unterstellte den Firmen, mit Sprachmanövern um die genaue Bezeichnung herum die Verbraucher auszutricksen und zu täuschen. Dadurch, dass Formaldehyd bei Zimmertemperatur als Gas aufträte würde man es üblicherweise mit Wasser mischen und das dann als Formalin oder Formaldehyd-Lösung verkaufen. Jeweils ein Wassermolekül würde mit einem Formaldehydmolekül reagieren und damit das „methylene glycol“ oder Methanediol oder Formaldehyd Monohydrat bilden. Bei einer Friseurbehandlung würde Formaldehyd aber unter Umständen wieder als Gas auftreten.

Die Polemik war serviert. Hier kann man den Bericht von damals nachlesen.

Die EWG steht selbst in der Kritik

Nun ist der Verein EWG selbst nicht unumstritten. In den USA gibt es ebenfalls zahlreiche kritische Stimmen gegen den Verein. Man wirft ihm vor, unwissenschaftlich vorzugehen und auf reißerische Panikmache zu bauen. Hintergrund der Kritik ist die Tatsache, dass es sich um einen in den 80ger Jahre gegründeten Verlag handelt, der sich dank Aufklärungsbroschüren eine Führungsposition im Markt für Haushalts-und Gesundheitsratgeber erarbeitet hat. Dieser Vorwurf wird auch von renommierten Institutionen geäußert. Man wirft dem Verein vor, durch unwissenschaftliche Panikmache zum Kauf überteuerter Ökoprodukte zu animieren.

Vergleich mit der Rapexliste

Bevor man also gleich an eine Verschwörung aller Bösewichter der Kosmetikindustrie zwecks Vergiftung aller Friseure samt Kundinnen in Deutschland und der Schweiz glaubt, reicht ein kurzer Vergleich mit der Rapexliste, um die mögliche Gefährungs europäischer Friseurbesucher oder Heimanwenderinnen einzuschätzen.

In der hier verlinkten Rapexliste findet man die Hersteller auf verschiedenen Ländern auf der EU-Verbotsliste für keratinbasierte Haarpflegeprodukte wieder.

Wenn man bedenkt, dass in 2015 und 2016 gerade einmal fünf EU-Marken und davon keine der renommierten großen Kosmetikfirmen wie L’Oreal, Wella oder Schwarzkopf betroffen waren, wird die Panik dann doch eher relativiert.

Die wechselnden und teilweise fehlerhaften Verlinkungen auf der Rapexliste bedeuten übrigens auch nicht gleich eine Verschwörung der Chemielobby in der EU-Kommission sondern nur schlecht geprüfte Änderungen an den Webseiten.

Länder mit den meisten Einträgen

Wenn man die Rapexliste durchsucht, finden sich Einträge zu beanstandeten Produkten aus folgenden Ländern:

Länder mit Eintrag Anzahl von Produkten
Brasilien 18
USA 14
Italien 4
China 2
England 1
Mexiko 1

Keine Panikmache!

Natürlich bedeutet die Tatsache, dass ein Produkt nicht auf der Rapexliste erscheint, keineswegs, dass es automatisch harmlos ist, denn nur die gemeldeten Produkte werden registriert. Wenn etwas nicht bemerkt wird, flutscht es durch. Allerdings bleibt es bemerkenswert, dass führende Produkte und Hersteller eben nicht beanstandet wurden und somit auch mit relativer Sicherheit benutzt werden können.

Kein führender Hersteller in Europa setzt sich dem Risiko aus, von der EU an den Pranger gestellt zu werden.